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Montag, 22. Februar 2016

Indie-Autor-Challenge heute mit Violet Truelove

‪#‎IndieAutorChallenge‬ diesmal mit Violet Truelove & Lindsay Lovejoy.
Nominiert wurde sie von Medusa Mabuse und in der Story tauchen Pro-Surfer Warden Palmer und Bestseller-Autorin Lindsay Lovejoy aus <<Ein Surfer zum Verlieben << und >>Ein Surfer fürs Leben<<, Aiden und Hope aus >>Ein Fotograf zum Verlieben<< , sowie Vera und Liam aus >>Ein Rockmusiker zum Verlieben<< auf.

Sklavenhandel
Milchbubi
Tischdecke
Kaffeehaferl
Trockenobst
Nachtcreme
Schaumbad
Duftkerzen
Bergstiefel
Onlineportal
Rockerbraut
Tankstelle
Einkaufswagen
Wundsalbe
Hiobsbotschaft

Warden betrachtete die Szenerie, die sich ihm bot. Von seiner inneren Unruhe und Getriebenheit, die ihn sonst ewig begleitete, war nichts zu spüren.

„Man spricht es so aus: Kaffeehaferl“, meinte Aiden. Lindsay versuchte es erneut, scheiterte jedoch kläglich an der Aussprache.

„Es ist bloß eine Kaffeetasse, aber in Bayern nennen sie es Kaffeehaferl“, fügte Hope erklärend hinzu. „Es reicht also, wenn du Tasse sagst.“

„Tasse geht“, behauptete Lindsay lachend, obwohl ihr bewusst war, dass ihre Freundin Violet, die aus Deutschland kam, sich vermutlich über ihren breiten Akzent, schlapp gelacht hätte. „Vielen Dank. Die ist sehr hübsch.“

Hope deutete auf die Zeichnung, die sich auf der Tasse befand und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. „Das ist die Zugspitze. Da waren wir wandern. Aiden hat sich eine schreckliche Blase in seinen neuen Bergstiefeln gelaufen.“

Der Fotograf winkte ab. „Hope übertreibt. So schlimm war es nicht.“

„Ich hoffe, du hast keine Wundsalbe benutzt. Unter fetthaltigen Salben vermehren sich Bakterien rasch und es kann zu Entzündungen kommen.“ Als sie den vorwurfsvollen Blick ihrer Freunde bemerkte sagte Lindsay: „Was? Habe ich erst neulich recherchiert."

Warden lachte und Aiden schüttelte amüsiert seinen Kopf. „Du hast recht, sie ist echt recherchegeil“, ließ er den Surfer wissen.

„Habe ich doch gesagt, aber dafür liebe ich sie.“

„Nur dafür?“, gurrte Lindsay und beugte sich zu ihm hinüber, um einen Kuss zu ergattern.

„Nein, natürlich nicht“, murmelte Warden. „Aber ich werde jetzt nicht alle Gründe aufzählen, denn da wären wir vermutlich eine Millionen Jahre lang beschäftigt, Sonnenschein.“

Hope und Vera seufzten bei Wardens Liebeserklärung leise auf. Aiden hingegen betrachtete seinen Freund nachdenklich. Warden hatte die Hiobsbotschaft vom Mord an seiner Mutter besser verkraftet, als der Fotograf vermutet hätte.

„Wenn die Blase nicht so furchtbar war, warum sind wir danach nicht noch mal wandern gegangen?“, wechselte Hope das Thema. Aiden warf ihr einen vielsagenden Blick zu und seine Verlobte gab ein kaum hörbares „Ohhhh!“ von sich.

„Ohhhh?“, hakte Liam nach und grinste verschmitzt.

„Wir hatten ein sehr schönes Zimmer“, ließ Aiden ihn wissen. „Und ich habe eine sehr schöne Frau, also …“ Er vollendete den Satz nicht, doch allen war klar, was dieser zu bedeuten hatte. Hope errötete, doch sie erinnerte sich nur allzu gerne an das wunderbare Zimmer im malerischen Grainau. Die freistehende Wanne mit den Löwenfüßen, die Schaumbäder und die unzähligen Duftkerzen, die Aiden in dem Raum verteilt hatte, um für die richtige Atmosphäre zu sorgen.

„Wir haben aber noch mehr Geschenke“, kam es von Aiden, woraufhin er eine weitere Tüte aus der Reisetasche hervorholte. Er reichte Vera eine farbenfrohe Tischdecke. „Die ist aus Frankreich.“

„Nobel.“

„Für dich nur das Beste, kleine Rockerbraut“, neckte er sie.

„Echt, von mir bekommt sie bloß Blumen von der Tankstelle“, scherzte Liam.

„Dann solltest du dich nicht wundern, wenn sie dich nie heiraten wird“, warf Warden ein und fing sich einen stinkigen Blick von Liam ein. „Hey, nicht schmollen. Du kannst dir ja über ein Onlineportal ein neues It-Girl bestellen.“

Der Rockmusiker ignorierte den Sarkasmus in der Stimme seines ehemaligen Konkurrenten und erwiderte ernsthaft: „Ich weiß nur zu gut, dass ich eine Klassefrau wie V nicht noch einmal finden würde.“

„Käme auf den Versuch an. Im Internet bekommt man schließlich alles – auch Frauen. Ich habe erst neulich eine Reportage darüber gesehen: Moderner Sklavenhandel eben. Echt widerlich!“

„Widerlich hatte ich schon, Lindsay, und das brauche ich nicht noch mal“, gab Liam zu. „Nein, mein Einkaufswagen ist voll. Ich habe alles, was ich brauche.“

„Warden aber noch nicht“, meinte Aiden und warf seinem Freund ein kleines Döschen zu.

Der Surfer fing es, drehte es in seiner Hand und starrte es einen Moment lang sprachlos an. „Eine Nachtcreme?“, grollte er. „Willst du mich verarschen, Bro?“

„Hey, wir werden alle nicht jünger und die ist super gegen Falten. Nicht, dass du schrumpelst wie Trockenobst oder so.“

Warden zeigte ihm den Finger, woraufhin sein bester Freund prustend zu lachen begann. „Kleiner Scherz. Sorry!“

„Zum Glück bist du immer rund ein Jahr älter als ich.“

„Einigen wir uns doch drauf, dass ihr beide steinalt seid, okay?“, warf Liam ein, woraufhin ihn Aiden und Warden entgeistert ansahen.

„Wann ist der so frech geworden?“, wollte der Fotograf wissen.

„Ja, jetzt siehst du mal, mit was ich mich hier die letzten Wochen rumschlagen musste. Der Milchbubi kommt in die Flegeljahre. Zum Glück seid ihr wieder da und ich bekomme Verstärkung.“

„So gebrechlich, dass du es nicht mehr allein mit mir aufnehmen kannst, Surferboy?“

„Siehst du und da kommt unser eigentliches Geschenk doch sehr gelegen. Die waren ursprünglich für deine perversen Spielchen mit deinem Sonnenschein gedacht, aber ich bin sicher, die Dinger sind auch nützlich um Liam unter Kontrolle zu bringen.“

Erneut segelte etwas durch die Luft. „Handschellen“, stellte Warden erfreut fest und suchte Lindsays Blick. Seine Verlobte schenkte ihm ein breites Grinsen.

„Scheint als würde unser Geschenk gut ankommen“, stellte Aiden fest und legte Hope einen Arm um.

„Hast du auch die Schlüssel dafür?“, wollte Warden wissen.

„Nicht nötig. Ich weiß, wie man die Dinger knackt.“

„Will ich wissen, woher du das weißt, Sonnenschein?“

„Nein, und ich werde den Teufel tun und es dir verraten“, säuselte die Bestseller-Autorin. Im nächsten Augenblick war ein Klicken zu hören und Warden schaute ungläubig auf sein Handgelenk hinab, welches den Bruchteil einer Sekunde später mit dem von Lindsay verbunden war.

„Du entkommst mir nicht“, meinte sie, was die übrigen Anwesenden dazu brachte schallend loszulachen.

Samstag, 6. Februar 2016

Indie-Autor-Challenge von Kathrin Licherts

Und eine neue Challenge, Kathrin Lichters hat sich der Herausforderung gestellt:

Stefanie D. Murphy Author hat die wunderbare Kathrin Lichters zu einer ‪‎IndieAutorChallenge‬ nominiert. Ihr wisst, was das heißt: Lesevergnügen pur! Ich durfte sie ja schon gestern Abend lesen und sie ist soooooooo schön!
Euch ganz viel Vergnügen

- Witzfigur

- Gürtel

- Weihwasser

- Bettdecke

- Gitarre

- Rose

- Schuhkarton

- Kamera

- DVD

- Kaninchen

- Rock-Konzert

- Dixie-Klo

- Kamillentee

- Taschenlampe

- Spardose

Der schlimmste Tag ihres Lebens rollte mit einer Geschwindigkeit auf sie zu, die sie kaum Luft holen ließ. Katie zog die Bettdecke über ihren Kopf. Der Gedanke an den kommenden Tag, nein sogar an ihr bevorstehendes Leben drängte ihr eine Last auf, die sie unmöglich alleine tragen konnte. Jemand lugte mit einer Taschenlampe unter die Decke und sah sie mitfühlend an. „Du willst das echt durchziehen und diese Witzfigur morgen heiraten?“ Ihre Schwester Holly stöhnte.
„Was soll ich denn sonst tun?“, sagte sie mutlos und zog die Fernbedienung unter ihrem Po hervor. Sie hatte die halbe Nacht selbstgedrehte DVDs aus ihrer Jugend angesehen, die sie in einem alten Schuhkarton versteckt unter ihrem Bett verstaut hatte. In dem Karton befand sich zusätzlich eine Spardose, die sogar seit Jahren verschlossen gewesen war. Mittlerweile hatte sie sie aufgebrochen und ein paar Erinnerungen an Niall herausgefischt. Das Festivalband hatte sie direkt wieder um ihr Handgelenk gebunden, was sie und Niall bei ihrem ersten Besuch bekommen hatten. Sie erinnerte sich genau an diesen verhängnisvollen Tag und an den riesigen Spaß, den sie gehabt hatten. Das war der Tag gewesen, an dem sich eine wahnsinnige Spannung zwischen ihnen aufgebaut hatte und diese Erregung hatte sich in einer wilden heißen Nacht entladen. So sehr sie diese Nacht auch geliebt hatte, so hatte sie alles zerstört, denn danach war Niall einfach sang und klanglos aus ihrem Leben verschwunden. Bis vor drei Tagen. Drei Tage, vor ihrer Hochzeit.
„Du solltest mit Niall, deinem heißen Freund aus Kindertagen, durchbrennen.“ Katie strich zärtlich über das Festivalarmband des Rock-Konzerts an ihrem Handgelenk und dachte an den gestrigen Abend im Pub, wo Niall auf der Gitarre gespielt und nur für sie ihr gemeinsames Lied gesungen hatte. Wie sollte sie ihr sicheres Leben für einen Kerl aufgeben, den sie nur zu gut kannte und der seine Frauen wie Unterwäsche wechselte? Was wäre, wenn er das Interesse an ihr verlor, wie an so vielen anderen Mädchen vor ihr? Sie hatten es grundlegend vermasselt. Morgen war ihr Hochzeitstag, den sie seit Monaten geplant hatte, um den attraktiven und wohlhabenden Politikersohn David zu heiraten. Und Niall brachte es fertig, kurz vorher aufzutauchen und ihr gesamtes Gefühlsleben über den Haufen zu werfen. Sie war sauer und ihr war speiübel. Sie brauchte dringend einen Kamillentee und zwar schnell.

Der nächste Tag kam trotz der vielen Stoßgebete, die Katie ausstieß. „Sie sehen einfach bezaubernd aus!“, rief ihre Haarstylistin. Das allein war ein Wunder, nach der schlaflosen Nacht voller Zweifel und Kummer. Katie blickte in den Spiegel und betrachtete sich. Sie sah schön aus, das stimmte. Dennoch kam ihr alles an ihrem Aufzug falsch vor. Dieses Gefühl hatte nichts mit den Zeichen zutun, die ihr von dieser Hochzeit abrieten. Weder der Blutfleck an ihrer Corsage, die Babykotze des Babys ihrer Cousine auf ihrem Rock, noch die drückenden Brautschuhe oder der schwarze Gürtel, den sie als Zeichen der Trauer für den kürzlichen Tod ihrer Großmutter trug, war Schuld an dem Gefühl, dass sie nicht wie eine Strumpfhose abstreifen konnte. Es war ihr Herz, das sie versuchte wachzurütteln. Eine Panikattacke kündigte sich an, während sie den Strauß weißer Rosen sah, der anstelle ihres Brautstraußes mit roten Rosen geliefert worden war. Mit diesen Blumen hatte sie ihre Großmutter beerdigt und Katie begann zu hyperventilieren. Wer wollte mit einem Strauß heiraten, der Tod symbolisierte. Holly, ihre Schwester fasste sie am Arm, doch Katie musste aus diesem Raum, dieser Kirche raus. Sie riss die Tür auf und der Geruch von Weihwasser schlug ihr entgegen. Ihre Übelkeit verschlimmerte sich und alles brach in wenigen Minuten über ihr zusammen. „Was tue ich nur hier!?“ Sie raffte ihr Kleid und rannte aus dem Seiteneingang der Kirche hinaus auf den Rasen. Ein weißes Kaninchen hielt inne und betrachtete sie skeptisch. Wieso dachte sie jetzt an Alice im Wunderland? Sie knickte mit den unbequemen Schuhen um und fiel der Länge nach auf das nasse Gras. Grüne Flecken beschmutzten nun zusätzlich ihr Kleid. Plötzlich war ihr nach Weinen zumute, doch noch durfte sie sich diesem Gefühl nicht hingeben. Barfuß lief sie an der Kirche vorbei und fand sich plötzlich im Angesicht mit unendlich vielen Kameras wieder. Die Presse. Wenn man einen Politikersohn heiratete, dann musste man mit der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit rechnen. „Fuck!“, murmelte sie nur und hörte die Stimmen hinter sich, die sagten: „Türmt die Braut etwa?“ Umringt von den unzähligen Presseleuten und Gästen überschlugen sich ihre Gedanken. Was sollte sie nur tun? Sie fasste ein Dixie-Klo ins Auge, das für die Handwerker des ausgebrannten Dachstuhls des Pastors hier abgeladen worden war, und Katie wollte nur eins: vor aller Augen verschwinden. Sie riss die Tür auf und starrte auf die Szene, die sich ihr bot. Zwei vor Schreck geweitete Augenpaare sahen sie an. Eins davon war ihr äußerst bekannt, da es sich um ihren Zukünftigen handelte, der in einer äußerst kompromittierenden Haltung mit heruntergelassenen Anzugshosen vor ihr stand und bis gerade die Hochzeitsplanerin Sarah von hinten genommen hatte. Sarah , die übereifrige und vollbusige Unterstützung, die seit Beginn ihrer Planung um Katies Verlobten herumstolziert war. Nun war der sonst so perfekt aufgetragene pinke Lippenstift verschmiert, ihr Rock hochgeschoben und eine ihrer Brüste in der Hand ihres Verlobtens.

Katie schüttelte entsetzt den Kopf, suchte nach einer Fluchtmöglichkeit und begegnete einem Blick von durchdringenden dunklen Augen. Niall. Er stand da mit verschränkten Armen an seinen Mustang gelehnt und wirkte so anziehend auf sie, dass plötzlich alle Zweifel fortgewischt waren. Er zückte seine Autoschlüssel, hielt sie hoch und grinste breit. Katie rannte auf ihn zu, riss ihren Schleier vom Kopf und stieg auf der Beifahrertür ins Auto.
„Hast du die Zeichen endlich erkannt?“, fragte Niall nur grinsend und Katie erwiderte: „Die Babykotze auf meinem Kleid war ein Weckruf!“
"Ich dachte, es könnte etwas mit der Entdeckung deines untreuen Kerls zu tun haben." Niall startete den Wagen und fuhr mit quietschenden Reifen los. Er reichte ihr seine Hand und Katie seufzte.
„Das bedeutet nicht, dass du mich von deiner Beziehungsfähigkeit überzeugt hast, Niall. Vergiss nicht, wie gut ich dich und deinen Frauenverschleiß kenne.“
„Und doch sitzt du in meinem Auto, Baby, und fliehst vor deinem Musterknaben-Versager!“ Sie lächelte und verschränkte ihre Hand mit seiner. »Wirst du morgen früh wieder fort sein?“, hauchte sie bedrückt und Niall seufzte gequält: „Ich habe nichts je mehr bereut, als das. Ich werde jeden Tag, in jedem Jahr an deiner Seite sein, Baby.“

Samstag, 16. Januar 2016

Indie-Autor-Challenge heute mit Isabella Muhr

Diesmal mit einer Geschichte von Isabella Muhr, die von Nicole König herausgefordert wurde. Wir wünschen Euch ganz viel Spaß beim Lesen.

Silvesterrakete
Gedankensprung
Unfall
Kartoffelbrei
Blumenvase
Mitarbeitergespräch
Waschmaschine
Eierlikör
Heizung
Bleigießen
Holzeisenbahn
Bratwurststand
Entsafter
Jackpot
Kerzenwachs

Die Gummisohlen seiner Stiefel hinterließen schmatzende Geräusche auf dem matschigen Trampelpfad, als er missmutig durch den Nebel der verlassenen Parkanlage stapfte. Den ganzen Abend über hatte es geregnet und die Erdoberfläche war nun ein einziges, unansehnliches Sammelsurium an Schlamm. Die durchdringende Kälte war erfolgreich durch seinen Mantel bis zu seiner Haut gekrochen und er schlug fröstelnd seinen Mantelkragen nach oben. Es war bereits kurz vor zwölf Uhr Nachts, (also nur mehr zwanzig Minuten, bevor das neue Jahr offiziell seinen Beginn fand) und er wusste absolut nicht, wo er hingehen sollte. Wie ein auf der Autobahnraststätte ausgesetzter Hundewelpe marschierte er mit hängenden Schultern und ohne jeglichen Plan durch die Grünflächen und dachte an Angela. Der Gedanke an seine Exfreundin brachte ihm einen fiesen Stich in der Brust ein. 
Ausgerechnet drei Tage vor Weihnachten hatte er sie inflagranti mit Karl (dem Besitzer des Bratwurststandes direkt am U-Bahnplatz) erwischt. Er war wegen eines ziemlich aufreibenden Mitarbeitergespräches früher aus der Arbeit nach Hause gekommen und hatte Angela und Karl auf der Waschmaschine entdeckt, wo sie sich gerade irgendwelchen abartigen Sexperimenten mit Kerzenwachs und Eierlikör widmeten. Wortlos war er damals aus der Wohnung gestürmt und hatte es seither nicht mehr gewagt, diese zu betreten. 
Stattdessen war er zu seiner Schwester und seinem Schwager geflüchtet, die ihn ohne zu Zögern über die Feiertage herzlich aufgenommen hatten. Dort wurde er seither fürsorglich mit Plätzchen, Punsch und familiärer Nestwärme umhüllt und konnte winzige Augenblicke lang sogar die permanenten Gedankensprünge hin zu seiner Angela unterdrücken. Es war wirklich eine schöne Zeit. Doch die Stimmung war an diesem heutigen Abend radikal umgeschlagen, als er beim Bleigießen einen Klumpen aus dem Wasser gezogen hatte, der haargenau wie eine Bratwurst ausgesehen hatte. Er war in seinem angetrunkenen Zustand ohnehin total sentimental und gleichzeitig irrational unterwegs, weshalb ihm dieses verräterische Stück Bleibratwurst den Rest gegeben hatte. Zornig hatte er das Ding gegen die Heizung in der Ecke gepfeffert und war in die Anonymität der Nacht hinaus verschwunden, um mit sich und seinem Frust allein sein zu können. Am liebsten wäre er mit seinem Wagen die Straßen rauf und runter gebrettert, aber in seinem Zustand hätte das nur in einem Unfall geendet, weshalb er sich zu einem Spaziergang entschloss. Auch jetzt noch waren die Hände in seinen Manteltaschen zu Fäusten geballt und seine Gesichtszüge waren zu einer grimmigen Maske zusammengefroren. Er stieß geräuschvoll die Luft aus seinen Lungen in der Hoffnung, den Frust, der sich darin festgesetzt hatte, mit hinaus zu jagen. Bilder eines haarigen mit Kerzenwachs verschmierten Hinterns drängten sich vor sein geistiges Auge und er schüttelte unwillig den Kopf. Er hätte Karls Schwanz einfach in Angelas Entsafter stecken sollen anstatt einfach abzuhauen.
„Miststück!“ fauchte er in die Schwärze der Nacht hinaus. Er zuckte erschrocken zusammen, als sich ein Schatten auf der Parkbank nur wenige Schritte von ihm entfernt zu bewegen begann. Wie eine Schildkröte versuchte er seinen Kopf im schützenden Stoff seines Mantels zu vergraben, um sich vor der Peinlichkeit dieses Moments zu verstecken, doch es war zu spät. 
„Meinen sie mich?“ erkundigte sich eine zarte Frauenstimme, die offensichtlich zu der Gestalt auf der Bank zu gehören schien. 
„Äh, was?“ entsetzt blieb er wie angewurzelt stehen und schluckte trocken. Er hatte nicht damit gerechnet zu so später Stunde noch jemandem zu begegnen. Unsicher blinzelte er zu dem Schatten hinüber und versuchte durch die spärlich vorhandenen Lichtverhältnisse zu erkennen, mit wem er es zu tun hatte. Doch das einzige, was er erkennen konnte, waren weiße Zähne, die sich ihm in Form eines amüsierten Lächelns präsentierten. Etwas ermutigt von diesem Anblick, wagte er sich einen Schritt nach vorne. 
„Sie scheinen genau so gute Laune zu haben, wie ich. Wenn sie wollen, können wir gerne zusammen auf das neue Jahr anstoßen“, bot die Frau mit dem strahlenden Gebiss an und klatschte auffordernd mit ihrer Hand neben sich auf das Holz. Er zögerte eine Sekunde, dann gab er sich einen Ruck und nahm neben der Unbekannten Platz. Der Geruch von Kartoffelbrei stieg ihm in die Nase und er runzelte etwas verwirrt darüber die Stirn, verkniff sich jedoch eine Frage dazu. 
Beruhigendes Schweigen breitete sich über ihnen aus und er merkte, wie sein Atem gleichmäßiger wurde und sich seine Muskeln allmählich entspannten.
„Und? Irgendwelche guten Vorsätze fürs neue Jahr?“ wollte die Frau mit der weichen Stimme neben ihm wissen. Er starrte stur geradeaus und zuckte nur mit den Schultern. „Also ich werde definitiv keine Bratwurst mehr essen können“, prophezeite er freudlos und schnaubte dabei noch einmal verächtlich.
„Also ich habe mir fest vorgenommen, nächstes Jahr einen Töpferkurs zu belegen und meine Familie zu ihren Geburtstagen mit selbstgemachten Blumenvasen zu quälen“, erklärte die Frau, ohne sich von der Bitterkeit in seiner Stimme beirren zu lassen. „Außerdem werde ich den Jackpot knacken, von dem Geld eine Holzeisenbahn in Lebensgröße bauen lassen und damit die ganze Welt bereisen.“ 
Nun war er es, der amüsiert lächeln musste. Als er einen Blick in ihre Richtung wagte, konnte er erahnen, dass sie es ihm gleichtat. Eine einzelne Silvesterrakete explodierte plötzlich über ihren Köpfen und erhellte den Platz um die Parkbank. Während sich unzählige kleine Explosionen zu dieser ersten dazugesellten und bunte Funken den Himmel herabrieselten tat sein Herz einen Satz, als er in das schöne Gesicht seines weiblichen Gegenübers blickte. Sie hatte feuerrote, wilde Locken und ihre Augen leuchteten in einem tiefen Jadegrün. Er lächelte sie noch eine genüssliche Weile an, in der das Grinsen in seinem Gesicht immer breiter zu werden schien, bevor er verkündete: „Ich heiße Paul.“ Sie erwiderte sein Grinsen, schenkte ihm einen hinreißenden Augenaufschlag und flüsterte beinahe schüchtern.
„Frohes neues Jahr Paul.“

Samstag, 9. Januar 2016

Indie-Autor-Challeng heut mit Nicole König

Hallo, ihr Lieben!
Es ist Samstag und es ist mal wieder so weit. Es gibt eine neue IndieAutorChallenge‬ Geschichte. Diesmal von der wunderbaren Nicole König, die von Violet Truelove & Lindsay Lovejoy nominiert wurde.

Ganz viel Spaß beim Lesen 

Schlittschuh
Sonnenmilch
Leim
Parkettboden
Kinderkrankheit
Bestellservice
Wollknäuel
Bereitschaftsdienst
Kuscheldecke
Wäschekorb
Briefmarkensammlung
Jenseitskontakt
Playlist
Lippenstift
Trockenobst

Kalt ist es geworden hier bei uns in Forester. Während meine beiden Kinder mit ihren neuen Schlittschuhen Pirouetten am zugefrorenen Lake Montouri drehen, versuche ich, nach den Feiertagen das Haus wieder auf Vordermann zu bringen. Einmal im Jahr verrichte ich hierfür die Dinge, die ich sonst nur ungern erledige und vor mir herschiebe. Kniend versuche ich den Parkettboden zu reinigen, als mein Blick auf das Bild von Samuel fällt. Auch wenn es bereits drei Jahre her war, so ist es als wäre es gestern gewesen, dass er durch die Tür ging und nicht zurückkam. Ich muss einen Moment innehalten. Meine lautlosen Tränen tropfen auf den Boden und es ist für mich unmöglich, weiterzumachen. Dabei habe ich heute noch viel vor. Unter anderem stehen die losen Dielen der Holzveranda, die ich mit Leim befestigen möchte, noch auf meinem Zettel. Ich erhebe mich, lasse meinen Blick schweifen und genieße die Stille und Ruhe. Ich nutze die Zeit, um mich zu sammeln. Unser Haus steht am Rande von Forester und der Lake befindet sich hinter einer Anhöhe. Vom Haus nicht einsehbar, jedoch nah genug, um die spielenden Kinder zu hören. Was für ein beruhigendes Gefühl. Je älter die beiden werden, desto schwieriger wird es für mich, Vater und Mutter gleichermaßen zu sein. Mit Mühe und Not, war es mir möglich, sie dazu zu überreden, sich die Gesichter mit Sonnenmilch einzucremen. Gerade bei diesen Temperaturen und der Sonne gepaart mit dem glitzernden Schnee ist dies ein Garant für einen Sonnenbrand. Nicht das beide oft krank waren, bis auf die üblichen Kinderkrankheiten kann ich mich nicht beschweren. Seit Samuel vor drei Jahren von seinem Bereitschaftsdienst nicht zurückkam, versuche ich, uns drei durchzubringen. Er fehlt mir jeden Tag, doch bemühe mich, mir das nicht anmerken zu lassen. Zu dem schmerzlichen Verlust kamen die finanziellen Probleme. Nächtelang lag ich wach und überlegte, welcher Arbeit ich nachgehen und trotzdem den Kindern gerecht werden könnte. In dem kleinen Dorf, an dessen Stadtrand wir wohnen, gibt es kaum Arbeit. Früher habe ich in dem kleinen Lebensmittelladen ausgeholfen, aber dort brauchten sie keine weitere Kraft mehr. Samuel sammelte Münzen und hatte eine beträchtliche Briefmarkensammlung, die ich zuallererst zu Geld machte, um die Beerdigung und das Schulgeld zu bezahlen.
Im ersten Jahr war es wirklich schwierig, aber so langsam habe ich mich daran gewöhnt. Stricken konnte ich schon seit der Schulzeit gut und so brachten mir die Dorfbewohner ihre Wollknäule vorbei, damit ich einen Schal, Handschuhe oder auch eine Kuscheldecke für sie fertigte. Für mich wurde das Stricken zu einer Art Therapie. An manchen Tagen fehlte mir mein Mann so sehr, dass ich glaubte, schier verrückt zu werden. Die Damen der Dorfgemeinschaft, allesamt Witwen, setzen mir sogar den Floh ins Ohr, in einem Jenseitskontakt mit Samuel zu sprechen, um den Schmerz zu bewältigen. Um nach außen die Starke spielen zu können, halfen mir nur meine Musik und die Beschäftigung mit der Wolle. Zusammen mit der richtigen Playlist waren die bestellten Handschuhe, Socken oder was auch immer in Auftrag gegeben wurde, im Nu fertig.
Seither türmt sich die Wolle im Wäschekorb neben der Tür und mein Auftragsbuch war gut gefüllt. Meine selbstgemachten Kleidungsstücke und Decken kamen so gut an, dass sich sogar ein Bekleidungsgeschäft aus dem Nachbardorf angemeldet hatte und meine Waren beziehen. Vor wenigen Wochen wurde ein Bestellservice eingerichtet und der Sohn der Besitzerin holt einmal in der Woche die fertigen, vorbestellten Strickwaren ab. Der besagte Sohn ist in meinem Alter, Single und ziemlich attraktiv. Gut, aufgrund meiner langen Abstinenz würde ich vermutlich auch Bill Cosby als attraktiv bezeichnen, denn mein letzter Sex ist Ewigkeiten her und das Ding zwischen meinen Beinen fühlt sich eher an wie Trockenobst. Aber Jason ist wirklich gutaussehend, bleibt immer etwas länger und trinkt einen Kaffee mit mir. In einer halben Stunde will er hier sein und so langsam werde ich nervös. Oft hat er mich gefragt, ob ich mit ihm ausgehen möchte. Lange habe ich mit mir gehadert, ob ich wieder Gefühle entwickeln und zulasse darf. Aber ich bin noch jung, möchte nicht bis an mein Lebensende alleine bleiben, sondern das Lebengenießen. Samuel wird immer ein Teil meines Lebens sein, schon alleine wenn ich in die Gesichter meiner Kinder sehe. Schnell räume ich die Handwerkerutensilien weg, schlüpfe in meine neue Jeans, ein Top und den selbstgestrickten Poncho, lege noch ein wenig Lippenstift auf und warte, bis ich die schweren Stiefel auf der Veranda höre. Als er klopft, hüpft mein Herz vor Freude.
Ich bin mir sicher, dass Samuel nichts dagegen hätte, wenn ich mich wieder mit einem Mann treffe, daher werde ich dieses Mal nicht verneinen, wenn mich Jason nach einem Date fragt. In dem Moment als ich die Tür öffne und ihn vor mir stehen sehe, weiß ich, dass die Entscheidung mein Herz wieder zu öffnen, richtig ist. Genau mit einem solchen Gefühl hat es bei mir und Samuel auch angefangen und hat uns zwei wunderbare Kinder geschenkt.
Selbst wenn wir mit manchen Menschen nur wenige Momente, Tage, Monate oder Jahre verbringen können, so werden sie auf ewig ein Teil in deinem Leben sein. Jedoch dürfen wir nach einem Verlust unser Herz nicht verschließen, denn dann werden wir einsam und verbittert alt werden.

Samstag, 2. Januar 2016

Violet Truelove - Indie-Autor-Challenge die erste 2016

Die erste Challenge hat Violet Truelove im neuen Jahr für uns geschrieben!

Autor Dietmar Hesse hat Violet Truelove & Lindsay Lovejoy nominiert und ihr 15 Wörter vorgegeben, die sie in ihre Kurzgeschichte einbauen musste. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen.

Glücksbringer
Projektil
Kinderwagen
Strafraum
Sesamstraße
Badewanne
Aufzug
Neujahr
Schmerzcreme
Kuss
Marzipan
Hochsitz
Stubentiger
Blitzableiter

Der ganz normale Wahnsinn zwischen Strafraum und Seamstraße hat ein Ende, wenn ich in der Badewanne liege oder mit Opa auf der Jagd bin. Genau genommen ist Opa auf der Jagd und ich bin eher dabei, damit er alt und tattrig wie er inzwischen ist, keine Frischluftfanatiker mit Hirschen verwechselt. Bisher ist das auch noch nie passiert. Olli behauptet, dass das an der Hasenpfote läge, die er Opa zum fünfundachtzigsten Geburtstag geschenkt hat und die nun als sein Glücksbringer fungiert, doch wie so oft hat mein Mann keine Ahnung. Er weiß nicht, wie es hier zugeht.
Aber ich genieße die Stunden mit Opa. Eigentlich sollte Olli mit ihm hier sein. Ist ja schließlich sein Vater, aber Olli mag die Natur nicht. Also begleite ich unseren Vorzeigeförster und hänge meistens meinen trüben Gedanken nach, denn ehrlich, Muttersein habe ich mir immer anders vorgestellt. Irgendwie entspannter. Ich hatte da dieses Bild vor Augen. Olli, die Kinder und ich, alle eine große glückliche Familie. Doch Olli ist so gut wie nie zu Hause. Er hat einen richtig stressigen Job. Ist Prokurist in einem mittelständischen Unternehmen und immer auf Achse. Wenn er heimkommt fungiere ich als Blitzableiter für seinen Frust. Alleine deshalb MUSS ich Opa hin und wieder begleiten. Ich muss einfach mal raus, denn zu Hause fällt mir die Decke auf den Kopf. Und abgesehen davon? Wie lange ist es her, dass Olli das letzte Mal eine Windel gewechselt, ein Fläschchen gegeben oder einen Kinderwagen geschoben hat? Ewig! An diesem Neujahrsmorgen Zeit mit Opa zu verbringen, fernab von Ollis Nörgeleien und dem Geschrei meiner drei Racker, ist Balsam für meine geschundene Seele.
„Gib mir mal das Dings aus dem Rucksack!“
„Das Dings?“
„Du weißt schon, Charlotte. Das Dings“, murrt Opa ungeduldig.
Ich beginne im Rucksack herumzukramen. „Wasser?“
Opa schüttelt energisch den Kopf. „Das andere Dings!“
Klar, jetzt weiß ich genau, was er meint. „Marzipan?“
„Nein, Charlotte! Das in der Tube!“
„Die Schmerzcreme? Tun deine Arme wieder weh?“
„Ja!“, schreit er enthusiastisch.
„Psssssst!“, mache ich – schließlich sind wir auf der Jagd und noch vor ein oder zwei Jahren war er es, der mich angezischt und mir den Mund verboten hat. Ich bücke mich wieder, krame in der Tasche und hole die Salbe raus. In dem Moment, in dem ich mich aufrichte, macht es neben mir ‚Klick’.
„Mist!“, kommt es von Opa.
„Warum? War doch ein guter Schuss!“, lobe ich ihn und drücke ihm einen Kuss auf die Wange.
„Habe ich es erwischt?“
„Ja, klar! Du schießt doch nie daneben“, behaupte ich und frage dann: „Was war es denn überhaupt?“
„Ein Reh!“
„Ahhhh, dann ist ja gut.“ Ich winke den Wanderern zu, die nicht wissen, wie knapp sie dem sicheren Tod eben von der Schippe gesprungen sind.
„Gib mir das Gewehr. Ich lade nach.“ Allein auf die Jagd gehen könnte er gar nicht mehr. Seine arthritischen Hände sind nicht dazu in der Lage diesen ihm so vertrauten Vorgang durchzuführen.
„Ich habe mich noch immer nicht daran gewöhnt, wie leise diese modernen Gewehre sind“, murmelt er und wie immer, wenn er das sagt, klingt er verblüfft.
Ich schaue ihn an, lächle und sage: „Da hat Olli dir ein echt tolles Gewehr geschenkt und sich richtig in Unkosten gestürzt.“
Von irgendwo her hören wir einen Knall. Opa zuckt mit den Schultern. „Der hat nicht so ein tolles Gewehr wie ich.“
„Nee, hat er nicht“, stimme ich ihm zu. „Hörst du ja!“
„Na ja, vielleicht war es auch ein Silvesterknaller. Gibt ja immer Jungs, die noch an Neujahr die Böller zünden, weil sie nicht wissen, dass der Spaß schon vorbei ist.“
„Klar, kann auch sein.“
Wir verfallen in Schweigen. Ich denke an Olli und unser Gespräch gestern Abend im Aufzug. Er findet Opa gehört ins Heim. „Du kannst nicht immer das Projektil aus der Waffe nehmen“, hat Olli behauptet.
„Das mache ich auch gar nicht“, habe ich erwidert und gesagt: „Ich tue erst gar keines hinein und abgesehen davon, finde ich, dass Opa zu uns gehört.“ Olli hat nur mit den Augen gerollt. Er will nicht zurück aufs Land ziehen. Ich denke allerdings ein Leben im alten Forsthaus wäre für uns besser, als das in der Stadt. Ich will weg von all dem Lärm und der Hektik. Olli dazu zu zwingen mit uns zu kommen, wäre jedoch wie die Waffe zu laden. Das wäre das Ende unserer Ehe.
Während Opa und ich vom Hochsitz steigen – wir klettern nicht, das machen nur Affen, Eichhörnchen, und Stubentiger wurde mir von meinem Schwiegervater beigebracht – weiß ich, dass mein Entschluss der richtige ist. Niemandem nützt es etwas, wenn wir zusammen aber unglücklich sind und Olli wäre nicht der einzige Vater auf der Welt, der seine Kinder nur am Wochenende sieht. Also soll er doch in der Stadt wohnen bleiben, zumindest unter der Woche, während wir mit Opa auf dem Land leben.
Ich weiß, er wird erst gehörig meckern, dann werde ich ihn dazu breitschlagen, dass wir es auf Probe ausprobieren. Schon nach wenigen Tagen wird er begeistert sein und, mit etwas Abstand und wenn wir nicht länger dazu gezwungen sind auf engstem Raum aufeinander rumzuglucken, da wird alles besser werden. Klar, werden die Leute quatschen und behaupten, das sei das Ende unserer Ehe, aber ich weiß es besser: Das hier, ist ein Neuanfang und der erfordert Vertrauen und Mut. Ja, es ist unorthodox und mit Sicherheit nicht alltäglich, aber deshalb ist es noch lange nicht falsch. Ich nehme Opa an der Hand und höre mir an, wie er von seinem Wald erzählt und davon, dass er niemals hier weggehen möchte und wie gesagt: Das muss er auch gar nicht, denn ich werde bei ihm sein und die Munition aus der Waffe nehmen.

Indie-Autor-Challenge heute mit Violet Truelove

Der Start ins neue Jahr, und dazu gibt es gleich die passende Indie-Autor-Challenge. Autor Dietmar Hesse hat Violet Truelove & Lindsay Lovejoy nominiert und ihr 15 Wörter vorgegeben, die sie in ihre Kurzgeschichte einbauen musste. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen.

Glücksbringer
Projektil
Kinderwagen
Strafraum
Sesamstraße
Badewanne
Aufzug
Neujahr
Schmerzcreme
Kuss
Marzipan
Hochsitz
Stubentiger
Blitzableiter

Der ganz normale Wahnsinn zwischen Strafraum und Seamstraße hat ein Ende, wenn ich in der Badewanne liege oder mit Opa auf der Jagd bin. Genau genommen ist Opa auf der Jagd und ich bin eher dabei, damit er alt und tattrig wie er inzwischen ist, keine Frischluftfanatiker mit Hirschen verwechselt. Bisher ist das auch noch nie passiert. Olli behauptet, dass das an der Hasenpfote läge, die er Opa zum fünfundachtzigsten Geburtstag geschenkt hat und die nun als sein Glücksbringer fungiert, doch wie so oft hat mein Mann keine Ahnung. Er weiß nicht, wie es hier zugeht.
Aber ich genieße die Stunden mit Opa. Eigentlich sollte Olli mit ihm hier sein. Ist ja schließlich sein Vater, aber Olli mag die Natur nicht. Also begleite ich unseren Vorzeigeförster und hänge meistens meinen trüben Gedanken nach, denn ehrlich, Muttersein habe ich mir immer anders vorgestellt. Irgendwie entspannter. Ich hatte da dieses Bild vor Augen. Olli, die Kinder und ich, alle eine große glückliche Familie. Doch Olli ist so gut wie nie zu Hause. Er hat einen richtig stressigen Job. Ist Prokurist in einem mittelständischen Unternehmen und immer auf Achse. Wenn er heimkommt fungiere ich als Blitzableiter für seinen Frust. Alleine deshalb MUSS ich Opa hin und wieder begleiten. Ich muss einfach mal raus, denn zu Hause fällt mir die Decke auf den Kopf. Und abgesehen davon? Wie lange ist es her, dass Olli das letzte Mal eine Windel gewechselt, ein Fläschchen gegeben oder einen Kinderwagen geschoben hat? Ewig! An diesem Neujahrsmorgen Zeit mit Opa zu verbringen, fernab von Ollis Nörgeleien und dem Geschrei meiner drei Racker, ist Balsam für meine geschundene Seele.
„Gib mir mal das Dings aus dem Rucksack!“
„Das Dings?“
„Du weißt schon, Charlotte. Das Dings“, murrt Opa ungeduldig.
Ich beginne im Rucksack herumzukramen. „Wasser?“
Opa schüttelt energisch den Kopf. „Das andere Dings!“
Klar, jetzt weiß ich genau, was er meint. „Marzipan?“
„Nein, Charlotte! Das in der Tube!“
„Die Schmerzcreme? Tun deine Arme wieder weh?“
„Ja!“, schreit er enthusiastisch.
„Psssssst!“, mache ich – schließlich sind wir auf der Jagd und noch vor ein oder zwei Jahren war er es, der mich angezischt und mir den Mund verboten hat. Ich bücke mich wieder, krame in der Tasche und hole die Salbe raus. In dem Moment, in dem ich mich aufrichte, macht es neben mir ‚Klick’.
„Mist!“, kommt es von Opa.
„Warum? War doch ein guter Schuss!“, lobe ich ihn und drücke ihm einen Kuss auf die Wange.
„Habe ich es erwischt?“
„Ja, klar! Du schießt doch nie daneben“, behaupte ich und frage dann: „Was war es denn überhaupt?“
„Ein Reh!“
„Ahhhh, dann ist ja gut.“ Ich winke den Wanderern zu, die nicht wissen, wie knapp sie dem sicheren Tod eben von der Schippe gesprungen sind.
„Gib mir das Gewehr. Ich lade nach.“ Allein auf die Jagd gehen könnte er gar nicht mehr. Seine arthritischen Hände sind nicht dazu in der Lage diesen ihm so vertrauten Vorgang durchzuführen.
„Ich habe mich noch immer nicht daran gewöhnt, wie leise diese modernen Gewehre sind“, murmelt er und wie immer, wenn er das sagt, klingt er verblüfft.
Ich schaue ihn an, lächle und sage: „Da hat Olli dir ein echt tolles Gewehr geschenkt und sich richtig in Unkosten gestürzt.“
Von irgendwo her hören wir einen Knall. Opa zuckt mit den Schultern. „Der hat nicht so ein tolles Gewehr wie ich.“
„Nee, hat er nicht“, stimme ich ihm zu. „Hörst du ja!“
„Na ja, vielleicht war es auch ein Silvesterknaller. Gibt ja immer Jungs, die noch an Neujahr die Böller zünden, weil sie nicht wissen, dass der Spaß schon vorbei ist.“
„Klar, kann auch sein.“
Wir verfallen in Schweigen. Ich denke an Olli und unser Gespräch gestern Abend im Aufzug. Er findet Opa gehört ins Heim. „Du kannst nicht immer das Projektil aus der Waffe nehmen“, hat Olli behauptet.
„Das mache ich auch gar nicht“, habe ich erwidert und gesagt: „Ich tue erst gar keines hinein und abgesehen davon, finde ich, dass Opa zu uns gehört.“ Olli hat nur mit den Augen gerollt. Er will nicht zurück aufs Land ziehen. Ich denke allerdings ein Leben im alten Forsthaus wäre für uns besser, als das in der Stadt. Ich will weg von all dem Lärm und der Hektik. Olli dazu zu zwingen mit uns zu kommen, wäre jedoch wie die Waffe zu laden. Das wäre das Ende unserer Ehe.
Während Opa und ich vom Hochsitz steigen – wir klettern nicht, das machen nur Affen, Eichhörnchen, und Stubentiger wurde mir von meinem Schwiegervater beigebracht – weiß ich, dass mein Entschluss der richtige ist. Niemandem nützt es etwas, wenn wir zusammen aber unglücklich sind und Olli wäre nicht der einzige Vater auf der Welt, der seine Kinder nur am Wochenende sieht. Also soll er doch in der Stadt wohnen bleiben, zumindest unter der Woche, während wir mit Opa auf dem Land leben.
Ich weiß, er wird erst gehörig meckern, dann werde ich ihn dazu breitschlagen, dass wir es auf Probe ausprobieren. Schon nach wenigen Tagen wird er begeistert sein und, mit etwas Abstand und wenn wir nicht länger dazu gezwungen sind auf engstem Raum aufeinander rumzuglucken, da wird alles besser werden. Klar, werden die Leute quatschen und behaupten, das sei das Ende unserer Ehe, aber ich weiß es besser: Das hier, ist ein Neuanfang und der erfordert Vertrauen und Mut. Ja, es ist unorthodox und mit Sicherheit nicht alltäglich, aber deshalb ist es noch lange nicht falsch. Ich nehme Opa an der Hand und höre mir an, wie er von seinem Wald erzählt und davon, dass er niemals hier weggehen möchte und wie gesagt: Das muss er auch gar nicht, denn ich werde bei ihm sein und die Munition aus der Waffe nehmen.

Sonntag, 13. Dezember 2015

Nicole König - TIndie-Weihnachts-Challenge

Einen schönen dritten Advent wünschen wir euch!

Heute ist Nicole König mit Ihrer besinnliche Geschichte an der Reihe. Lasst euch verzaubern von einem Moment, der uns deutlich macht: wir haben immer die Wahl!

Hier die fünf Wörter:
Rentier, Kerzen, Weihnachtspullover, Tannennadeln, Schneeanzug

Endlich ist der Arbeitstag vorbei und das Wochenende steht vor der Tür. Lustlos schleppe ich mich die Treppe an der Philharmonie rauf und am Museum vorbei. Wieder ein gleichbleibender Tag, der mich nicht erfüllt. Die Wochen und Monate ziehen an mir vorüber. Immer mehr spüre ich, wie meine Kraft entschwindet und ich mich am Liebsten zu Hause verkrieche. Früher bin ich gerne ausgegangen oder mit Kollegen auf den Weihnachtsmarkt, aber jetzt strengt mich alles an. Mein Job ist in Ordnung und auch die Wohnung in der ich lebe. Jedoch fühlt es sich an wie ein Nebel, der mein Leben umgibt ohne die Chance, die Sonne zu sehen. Warum ich so empfinde, kann ich nicht sagen. Menschen ermüden mich immer mehr und ich finde kaum noch gefallen an dem, was ich tue, so dass ich mich immer weiter zurückziehe. Mit diesen quälenden Gedanken, mache ich mich auf den Weg nach Hause.
Gerne drehe ich eine kleine Runde in meiner Pause und genieße es, diese paar Minuten für mich zu haben. Natürlich sind immer Menschen hier, aber auf dem großen Platz verläuft es sich – nicht so vor Weihnachten. Jetzt wurde auf dem Domvorplatz auch noch der Weihnachtsmarkt aufgebaut, das habe ich in der Mittagspause schon mit einem unguten Gefühl wahrgenommen. und genieße es, diese paar Minuten für mich zu haben. Natürlich sind immer Menschen hier, aber auf dem großen Platz verläuft es sich – nicht so vor Weihnachten. Manchmal zünde ich dann im Dom eine Kerze an und halte einen Moment inne. Nicht, das ich besonders gläubig wäre, aber diese Kathedrale übt einen besonderen Reiz auf mich aus. Leider führt mich mein Nachhauseweg auch genau hier vorbei und seitdem der Seitenweg gesperrt wurde, habe ich keine Alternative als mitten über den Platz zu laufen. Ich halte meine Handtasche dicht an meinem Körper und laufe weiter.
Nervig diese Menschenmassen. Während ich mich am Rand der Weihnachtsbuden entlang kämpfe, werde ich beiseitegeschoben wie ein Ping-Pong-Ball und lande erst mal direkt in der Weihnachtsdekoration. Auge in Auge mit einer Rentierattrappe. Genau so habe ich mir das nicht vorgestellt. Während ich leise fluchend die Tannennadeln von meinem Mantel entferne und versuche, mich aufzurichten, ärgere ich mich über die Ignoranz der Besucher. Ich spüre wie mich jemand versucht, wieder zurück auf den Weg zu ziehen. Als ich mich umdrehe, sehe ich einen verlotterten Mann in Lumpen, der zudem auch ziemlich streng riecht und erschrecke kurz. Erst lächelt er mich freundlich an bis zu dem Moment, in dem er mein erschrockenes Gesicht sieht, dann lässt er mich sofort los und geht ein Schritt rückwärts.
„Tut mir leid, ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich habe nur gesehen, wie Sie in den Tannenberg gefallen sind.“
„Nein, ist schon gut. Ich danke Ihnen.“
Mit schnellen Schritten entferne ich mich von ihm. Nach wenigen Metern komme ich mir schäbig vor, drehe mich um und will den Mann suchen, um mich gebührend zu bedanken, aber ich kann ihn nicht mehr finden. Wenn ich zurückdenke, dann habe ich ihn schon öfter rund um den Dom gesehen, nur nicht wirklich wahrgenommen. Wie auch, wenn das Alltagsgrau an mir vorüberzieht. Immer der gleiche Trott. Seit Jahren schon, komme ich nicht raus aus diesem Kreislauf.
Auf meinem Weg nach Haue nehme ich mir vor, ihn morgen zu suchen.
***
Als ich am nächsten Abend neben ihm stehe, blickt er mich verwundert an.
„Es tut mir leid, dass ich gestern so schnell gegangen bin. Kann ich Sie als Dankeschön zu etwas einladen? Etwas zu essen vielleicht?“
„Ja, das wäre sehr nett. Heute war meine Mahlzeit nicht so ergiebig.“
Glücklicherweise strömen allerlei köstliche Gerüche zu uns rüber, denn der Duft, den er absondert, ist kaum zu ertragen. Jedoch weiß er, sich auszudrücken, was mich positiv überrascht. Geht man doch direkt davon aus, dass ein Obdachloser über keinerlei Manieren verfügt.
„Womit kann ich Ihnen denn etwas Gutes tun?“
Er deutet auf den Bratwurststand, ich nicke und wir gehen hinüber. Ich bestelle zwei Würstchen und wir essen schweigend, während ich ihn immer wieder verstohlen betrachte. Das Alter ist schwer zu schätzen, aber sicher könnte er mein Vater sein. Auffällig sind die vielen Lachfalten um seine blauen Augen und der dunkle Vollbart. Natürlich bemerke ich, dass viele der anderen Weihnachtsmarktbesucher von uns abrücken, aber das ist mir nicht wichtig. Er war der Einzige, der mir gestern geholfen hat, als ich gefallen bin und daher kann ich ihm den nötigen Respekt entgegenbringen und mit ihm essen.
„Schau mal Mama, ein Penner!“, höre ich neben mir einen kleinen Jungen im Schneeanzug sagen. Seine Mutter zieht ihn von uns weg. Er zuckt nur mit den Schultern.
„Ich bin wohl nicht die beste Gesellschaft, junge Dame.“
Schnell wische ich mir meine Hand an der Serviette ab, während ich in der anderen noch immer den Rest meines Essens halte und strecke ihm diese entgegen.
„Louisa Ritter, freut mich!“
Überrascht schaut er erst meine Hand, dann mich an, wischt sich ebenfalls seine Hand ab und schüttelt meine.
„Julius Kraft“
Wir essen auf, er verabschiedet sich von mir und macht sich wieder auf den Weg zum Seiteneingang vom Dom, wo er scheinbar sein Nachtlager aufgeschlagen hatte.
***
Am nächsten Tag in der Mittagspause, sehe ich ihn wieder, wie er vor der Domtreppe sitzt und etwas mit den Händen formt. Auf die Entfernung kann ich nicht erkennen, was es ist. An dem kleinen Kaffeewagen, kaufe ich zwei Becher schwarzes Gold und mache mich auf den Weg zu ihm. Gerade sehe ich noch, wie er einem kleinen Mädchen etwas gibt, dafür von der Mutter Geld erhält und beide an mir vorbeilaufen.
„Hallo Herr Kraft. Kalt ist es geworden“, gehe ich auf ihn zu und halte ihm den Becher hin. Er nimmt diesen wie einen kostbaren Schatz und trinkt einen Schluck.
„Danke Louisa. Ich darf Sie doch so nennen, oder? Sie sind meine Rettung heute.“
Der strenge Geruch ist nicht mehr so stark und ich setze mich für einen Moment zu ihm auf die Stufen.
„Darf ich Sie etwas fragen?“ Ermunternd nickt er mir zu.
„Warum leben Sie auf der Straße? Ich meine, es gibt doch sicher Einrichtungen in die Sie gehen können, oder?“ Frage ich ihn nachdenklich.
„Sind Sie glücklich, Louisa?“
Mit dieser Frage habe ich nicht gerechnet und sie zieht mir den Boden unter den Füßen weg. Vollkommen wertfrei und ohne Emotionen schaut er mich an. Ich kann ihm nicht antworten. Was bedeutet das überhaupt?
„Eine Frage, die Sie nicht beantworten können?“
Um Zeit zu gewinnen, nippe ich am heißen Kaffee.
„Nun, das ist nicht so einfach“, versuche ich zu erklären, als er mich unterbricht.
„Doch, das ist es. Man hat immer die Wahl.“
Was hat das mit meiner Frage zu tun und warum antwortet er nicht auf meine? Julius hat etwas Warmes und Freundliches in seinen Augen. Ich fühle mich wohl neben ihm.
„Das verstehe ich nicht. War es Ihre Wahl auf der Straße zu leben?“, frage ich ihn.
„Ja.“ Diese Aussage verunsichert mich nur noch mehr, was er scheinbar merkt und noch einmal nachsetzt.
„Sehen Sie sich um, Louisa!“, er deutet damit auf die unzähligen Menschen, die hektisch umherlaufen und ich spüre eine Ruhe wie schon lange nicht mehr.
„Wie viele von diesen Menschen leben in selbstauferlegten Zwängen und gehen dabei kaputt? Ich war einer von ihnen. Ich hatte alles. Hier auf der Straße geht es für mich um die elementaren Dinge. Sicher kann man weniger dramatisch, den Weg zu sich selbst finden und auch ich wünsche mir für die Zukunft ein Dach über dem Kopf, aber ich hatte die Wahl und das angenommen, für was ich mich entschieden bzw. was ich bekommen hatte. Zwei Mal die Woche kann ich eine Dusche oder ein heißes Bad nehmen, Suppe bekomme ich in der Bahnhofsmission um die Ecke und seit einem Jahr stehe ich auf der Liste für eine Sozialwohnung. Denn ohne festen Wohnsitz kann ich mir keine Arbeit suchen. Nun bleibt mir die Möglichkeit unglücklich über meine Situation zu sein, die ich gerade nicht ändern kann oder aber ich habe die Möglichkeit, mich für das Glücklich sein zu entscheiden. Welche Wahl treffen Sie?“
Darüber muss ich lange nachdenken, bevor ich ihm antworte.
„Welche Wahl ich treffe, weiß ich noch nicht. Nein, ich bin nicht glücklich. Jeder Tag ist gleich und ödet mich an. Früher, nach meinem Studium hatte ich Pläne, doch der Alltag hat diese scheinbar zu Nichte gemacht.“
Er nickt mir wissend zu.
„Dann entscheiden Sie sich dafür, glücklich zu werden. Das ist ganz einfach.“
Er greift in seine Lumpentasche und zieht einen kleinen Holzengel heraus.
„Mit dem Schnitzen verdiene ich mir ein wenig Geld für mein Essen. Ich möchte Ihnen diesen Engel schenken. Immer wenn Sie wieder in alte Muster fallen, nehmen Sie ihn zur Hand und denken an meine Worte: Jeder von uns hat die Wahl glücklich zu sein. Es muss nur einen Zeitpunkt geben, wo wir damit anfangen.“
Zögerlich nehme ich diesen wunderbaren Engel an mich und betrachte ihn genau. Er ist ganz detailliert und filigran gearbeitet. Die Oberfläche ist glatt und die Holzmaserung wunderschön.
„Aber dieses Geschenk kann ich nicht annehmen“, flüstere ich ehrfürchtig und halte ihm meine Hand, in der der Engel liegt, hin.
„Doch das würde ich mir wünschen und bald ist doch Weihnachten“, zwinkert er mir zu.
Dann umschließt er mit seiner Hand meine und nickt mir zu.
„Vielen Dank. Der ist wirklich wunderschön und sollte an einem der Markstände verkauf werden.“
Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich meine Mittagspause längst überzogen habe.
„Tut mir leid, ich muss zurück ins Büro, aber ich komme wieder. Versprochen!“
Ich stehe auf, verstaue den Engel in meiner Manteltasche, nehme meinen Kaffebecher und verabschiede mich von ihm. Er lächelt mir zu und fängt wieder an, seine Figuren zu schnitzen.
Im Büro kommt mir ein Gedanke, der mich den ganzen Nachmittag über nicht mehr loslässt, daher mache ich mich nach der Arbeit auf dem Weg in ein Kaufhaus und besorge ihm einen Pullover in schwerer, dicker Wollqualität mit einem roten bestickten Rentier in der Mitte. Somit sein ganz persönlicher Weihnachtspullover, wie ich früher als Kind immer einen bekommen habe. Die Größe versuche ich zu schätzen. Ich lasse ihn nicht einpacken, sondern nehme nur die Tüte an mich und mache mich auf den Weg zu seinem Stammplatz, aber dort finde ich ihn heute nicht.
Und auch die nächsten Tage ist er dort nicht anzutreffen. Beunruhigt und angesichts der Kälte stecke ich meine Hände in die Manteltasche und fühle dort den kleinen Engel, den ich herausnehme und betrachte. Dann fange ich an zu lächeln, weil ich das Gefühl habe, das es Julius gut geht und weil ich mich genau jetzt dazu entscheide, glücklich zu sein.
Wir haben die Wahl …


Samstag, 12. Dezember 2015

Isabella Muhr - Indie-Autor-Challenge

Die wunderbare Isabella Muhr, die gerade ihren zweiten Roman‪ #‎Schneeglöckchenzauber veröffentlicht hat wurde von Kathrin Lichters nominiert.
Hier ist ihre Geschichte aus der KW 25.

Gipsarm
Babyflasche
Fernsehserie
Unwetter
Radkappen
Gießkanne
Gartenhaus
Kunstdruck
Ziegel
Schaukel
Rasenmäher
Kassenbeleg
Glastür
Abgase
Kaffeebohne

„Willst du noch eins?“ fragte Rudi seinen alten Freund Karl und nickte zu der Tasche, gefüllt mit Augustiner Bier hinunter, die er neben die Holzbank, auf der beide saßen, auf den Boden gestellt hatte. Karl nickte verhalten und starrte dabei weiter in die Ferne, die sich vor ihnen ausbreitete. Ihr jetziger Standpunkt gewährte ihnen völlig freie Sicht auf das Dorf, in dem sie beide gemeinsam aufgewachsen waren und in dem Karl auch jetzt immer noch lebte. Man konnte die alte Kirche sehen, den Dorfladen, den großen Bauernhof von Bauer Hämpel, wo sie als Kinder immer die Hühner gejagt hatten und das Nachbargrundstück von Herrn Grundler, in das sie jeden Sommer eingebrochen waren, um Kirschen vom Baum zu stehlen.
Als Kinder waren sie beinahe jeden Tag hier oben gesessen, hatten die vom Nachbarn geklauten Früchte vertilgt und über ihre neuesten Streiche gelacht. Aber diese glücklichen Zeiten lagen weit zurück in der Vergangenheit und hier in der Gegenwart gab es absolut nichts zu Lachen. Zumindest nicht für Karl.
Als es heute Vormittag an seiner Haustür geklingelt hatte, war Karl noch im Schlafanzug gewesen. Aufstehen, anziehen, das alles hatte seit dem Tod seiner Frau Greta vor 2 Wochen jegliche Bedeutung für ihn verloren. Er war zu müde, um etwas zu empfinden, als er seinen besten Freund dort in der Tür stehen sah. Widerstandslos ließ er sich von ihm an den Lieblingsort ihrer beider Kindheit zerren, um gemeinsam ein paar Bierchen zu zischen und an alte Zeiten anzuknüpfen. Rudi war vor über zwanzig Jahren in die Stadt gezogen und dennoch war ihre Freundschaft so stabil und innig geblieben, wie es ein Drehbuchautor für eine Fernsehserie nicht besser hätte erfinden können. Obwohl sie sich selten sahen, war es bei jedem Wiedersehen so, als wären sie nie voneinander getrennt gewesen. Und auch, wenn Karl emotional noch zu vereinnahmt war von Zorn und Trauer, die ihn seit Gretas Ableben begleiteten, so wusste er den Wert und die Wirkung von Rudis Gesellschaft durchaus zu schätzen.
Rudi musterte seinen Freund verstohlen von der Seite. Die Art, wie dieser vor sich ins Nichts zu starren schien und dabei an seinem Bier nuckelte - wie ein Säugling an der Babyflasche - machte ihm Sorgen.
„Denkst du an Greta?“ fragte er unvermittelt und fühlte sich sogleich schuldig, ob dieser unüberlegten Äußerung. Karls Gesicht verzerrte sich für einen flüchtigen Moment zu einer Grimasse aus purem Schmerz, bevor er tapfer antwortete.
„Ich habe eher an Herrn Grundler und seinen Krischbaum gedacht, um ehrlich zu sein. Weißt du noch, als wir neun Jahre alt waren und du von ganz oben heruntergefallen bist? Du hast dir dabei ziemlich fies den Arm gebrochen. Doch selbst mit Gipsarm bist du noch dort hochgeklettert und hast dir die dicksten Kirschen gesichert, bevor die Vögel sie uns wegpicken konnten.“
Seine Stimme klang rau wie Sandpapier und seine müden Augen glänzten feucht, als er weiter sprach.
„Oder weißt du noch, als wir Weitwerfen mit den alten Dachziegeln von Bauer Hämpel gespielt haben? Ich bin über eines dieser lästigen Hühner gestolpert, die einem ständig vor die Füße gerannt sind und hab mit dem Ziegel in meiner Hand direkt die Glastür vom Gartenhaus des Bauern getroffen. Der alte Hämpel hat uns die ganze Straße hinunter gejagt und am nächsten Tag ist er sogar bei uns zu Hause mitsamt dem Kassenbeleg seines Gartenhauses vor unserer Haustür gestanden. Ich hab mir fast in die Hosen gemacht vor Angst und was sagt meine Mutter?
Ihr Gartenhaus interessiert mich nicht die Kaffeebohne mein lieber Herr Hämpel! Die Abgase ihres neuen Monster-Rasenmähers, die in regelmäßigen Abständen die Luft in unserem Garten verpesten, interessieren mich viel mehr! hatte sie ihm entgegen geschmettert und unsere Haustür gleich hinterher. Auch wenn es für mich danach noch richtig Ärger gab, so muss ich immer noch lachen, wenn ich an das verdutzte Gesicht des alten Hämpel denke.“
Ein flüchtiges Lächeln huschte über Karls Gesicht, das Rudi sogleich ansteckte. Rudi saß stumm neben seinem Freund und hörte ihm aufmerksam zu, während dieser sogleich wieder mit hängendem Kopf auf die Bierflasche starrte und sie dabei nachdenklich in seinen Händen kreisen ließ. Sie schwiegen eine Weile und hingen mit ihren Gedanken in der Vergangenheit fest. Der Wind pfiff ihnen ungemütlich um die Ohren und Rudi hob fröstelnd die Schultern. Das sah verdammt nach Unwetter aus, dachte er sich und zuckte leicht zusammen, als die Stimme seines Freundes zur selben Zeit die drückende Stille durchschnitt.
„Kurz bevor sie starb haben wir uns gestritten.“
Karls Stimme war kaum mehr als ein gequältes Flüstern.
„Sie hatte mir vorgeworfen, dass ich unnötiger Weise viel zu teure Radkappen für unsere neuen Winterreifen bestellt hätte und ich habe ihr dann im Gegenzug vorgeworfen, dass ich den Kunstdruck mit dieser hässlichen Schaukel und dem noch hässlicheren Kind darauf, welches sie zu einem völlig horrenden Preis bei diesem Ebay ersteigert hatte genauso sinnfrei fand, wie sie meine neuen Radkappen. Sie war so wütend auf mich, dass sie mir einfach das komplette Wasser aus der Gießkanne in ihrer Hand über meine Schuhe gekippt hatte und sich schmollend zur Nachbarin verzog. Dort ist sie dann kurze Zeit später zusammengebrochen. Jetzt ist alles, was mir von ihr geblieben ist, dieser hässliche Kunstdruck und die nagenden Schuldgefühle über einen überflüssigen Streit.“
Eine kleine Träne stahl sich aus dem Augenwinkel des alten Mannes, der so klein und verletzlich auf dieser Holzbank saß und tropfte ihm über die Nase auf seine Handfläche. Rudi stieß die Luft, geräuschvoll aus seinen Lungen. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er den Atem angehalten hatte. Bevor er etwas erwidern konnte, hörte er Karl sagen:
Wir hatten eine verdammt gute Zeit zusammen - Greta und ich!
Rudi schluckte schwer Angesichts der Emotionalität, die sich über den bedeutendsten Platz seiner Kindheit ausbreitete, bevor er das Wort an seinen besten und ältesten Freund richtete.
„Auch wenn die jetzige Zeit beschissen ist, die Erinnerung an eine glorreiche Vergangenheit kann dir niemand nehmen, Karl.“
Er nahm einen kräftigen Zug aus seiner Flasche, bevor er hinzufügte: „Und ich werde immer da sein, um dir zu helfen, dich zu erinnern.“
Rudi legte beherzt seinen Arm um seinen alten, besten Freund, stieß seine Bierflasche gegen die von Karl und lächelte ihm so aufmunternd ins Gesicht, dass dieser nicht anders konnte, als zurück zu lächeln. Für einen kurzen Moment beschäftigte Karl nicht der Kummer über das was er verloren hatte, sondern er konnte sich an dem erfreuen, was ihm noch geblieben war.


Sonntag, 6. Dezember 2015

Isabella Muhr - TIndie-Weihnachts-Challenge


Einen schönen zweiten Advent und einen schönen Nikolaus wünschen wir euch und Isabella Muhr mit ihrer Geschichte zur Weihnachte-Challenge:

Meine Worte waren:
Basteln Punsch Weihnachtskarte Zimt Schnee

Es ist schon hell, als Paul mit mir an diesem Dezembermorgen aus dem Bett hüpft und mit seinen nackten Füßen hinunter in die Küche tapst. Auf der Treppe hält er mich immer besonders fest umklammert und ich bin dankbar, dass er mich nicht auf dem Boden schleifen lässt, so wie das manch andere Kinder mit ihren Stofftieren tun. In der Küche angekommen, darf ich sogar neben ihm auf einem Stuhl liegen. Pauls Mutter hat gerade einen Topf mit selbstgemachten Früchtepunsch auf den Herd gestellt. Sie riecht nach Zimt und frisch geschnittenen Orangen, als sie Paul zur Begrüßung einen Kuss auf die Stirn gibt.
„Guten Morgen mein kleiner Langschläfer, möchtest du etwas frühstücken?“, begrüßt sie ihn liebevoll. Paul schüttelt den Kopf und greift nach seinen Malsachen, die noch von gestern auf dem Tisch verteilt herumliegen. Seine Mutter und ich verfolgen seine Handgriffe dabei interessiert. „Bastelst du deine Weihnachtskarte für Papa fertig?“ erkundigt sie sich. „Nein, ich schreibe einen Wunschzettel für den Weihnachtsmann“, erklärt Paul, ohne dabei vom Tisch aufzusehen.
Ein Wunschzettel? Oh nein, denke ich erschrocken. Wenn ich ein Herz hätte, würde es jetzt einen Schlag aussetzen. Der Umstand, dass sich Paul gerade in diesem Moment einen Ersatz für mich herbeiwünscht, versetzt mir einen Stich in die Füllwatte. Ich wusste immer, dass dieser Tag kommen würde und dennoch fühlt sich der Gedanke, bald in eine Spielzeugkiste abgeschoben zu werden, unendlich hoffnungslos an. Verzweifelt blinzle ich mit meinem einen Auge zu Paul hinauf, der gedankenversunken ein Weihnachtslied vor sich hinsummt, während er konzentriert auf sein Blatt malt.
Seit er mich letztes Jahr zu Weihnachten bekommen hat, gibt es uns nur im Doppelpack. Ich muss deshalb ziemlich oft in die Waschmaschine, was mich auch nicht gerade jünger macht, aber das ist schon ok. Paul ist wirklich ein toller Junge und ich bin gerne sein bester Freund. Wenn er krank ist, bin ich der Einzige, der ihn besuchen darf und wenn er traurig ist, bin ich derjenige, der seine Tränen im Fell versteckt. Wir sind ein gutes Team und sogar schon zusammen in Italien gewesen. Nur an den Strand durfte ich damals nicht mit. Aber auf Sand zwischen den Nähten kann ich auch getrost verzichten. Hauptsache, ich kann mich jede Nacht an seine Wange kuscheln. Denn ohne Paul kann ich schon lange nicht mehr einschlafen. Er ist nämlich mein Beschützer. Erst neulich hat er mich aus den Fängen eines verspielten Hundewelpen befreit. Dieser hätte mir bestimmt den Kopf abgerissen, so arg hat er an mir gerüttelt, wenn Paul nicht dazwischen gesprungen und mich todesmutig befreit hätte. Leider ist bei diesem Vorfall mein rechtes Auge im Schnee verloren gegangen und nicht nur ich, sondern auch Paul war ganz schön traurig deswegen.
War mein desolates Aussehen etwa der Auslöser für diesen Wunschzettel?, dachte ich auf einmal bestürzt und hätte jetzt gerne geräuschvoll geschluckt.
Bestimmt wünscht er sich ein cooles Rennauto, oder eines dieser gigantischen Starwars-Aktionfiguren. Neulich lief im Fernsehen eine Werbung, die von Elektrofischen berichtete, die unter Wasser von alleine schwimmen konnten. Im Supermarkt habe ich Stofftiere in den schillerndsten Farben und mit zuckersüßen Glitzeraugen in den Regalen stehen sehen. Ich mit meinem Veteranengesicht konnte da nicht mehr mithalten. Deren Fell war nicht so abgenutzt und kaputt gewaschen wie meines. Deren Fell war so bunt, glänzend und flauschig, dass ich sogar selbst ständig hinsehen hatte müssen. Ich fühle mich auf einmal sehr traurig und mutlos, als ich so auf dem Küchenstuhl neben meinem besten Freund liege und hilflos an die Decke blicke. Ich will nicht in einer Spielzeugkiste verschwinden, denke ich verzweifelt, als Pauls Mama zurück an den Tisch kommt und eine Tasse mit dampfendem Inhalt vor uns abstellt. „Na, dann erzähl mal, was du da alles gemalt hast“, fordert sie ihren Sohn auf und blickt neugierig auf das Blatt. Paul wirft ihr einen flüchtigen Blick über seine Schulter zu, bevor er erklärt: „Also das sollen neue Buntstifte sein und hier, hier habe ich eine Kiste mit Seifenblasen gemalt.“ Paul zeigt mit seinen kleinen Fingern auf dem Blatt herum und seine Mutter nickt dabei bedächtig. Ihr Blick bleibt an einen Fleck in der Ecke hängen. Mit gerunzelter Stirn will sie wissen: „Was ist denn das Schwarze da unten?“ Paul folgt ihrem Blick. Als er sieht, was seine Mutter meint, verzieht sich sein Mund zu einem stolzen Lächeln.
„Das? Das ist Teddys neues Auge!“