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Sonntag, 6. Dezember 2015

Isabella Muhr - TIndie-Weihnachts-Challenge


Einen schönen zweiten Advent und einen schönen Nikolaus wünschen wir euch und Isabella Muhr mit ihrer Geschichte zur Weihnachte-Challenge:

Meine Worte waren:
Basteln Punsch Weihnachtskarte Zimt Schnee

Es ist schon hell, als Paul mit mir an diesem Dezembermorgen aus dem Bett hüpft und mit seinen nackten Füßen hinunter in die Küche tapst. Auf der Treppe hält er mich immer besonders fest umklammert und ich bin dankbar, dass er mich nicht auf dem Boden schleifen lässt, so wie das manch andere Kinder mit ihren Stofftieren tun. In der Küche angekommen, darf ich sogar neben ihm auf einem Stuhl liegen. Pauls Mutter hat gerade einen Topf mit selbstgemachten Früchtepunsch auf den Herd gestellt. Sie riecht nach Zimt und frisch geschnittenen Orangen, als sie Paul zur Begrüßung einen Kuss auf die Stirn gibt.
„Guten Morgen mein kleiner Langschläfer, möchtest du etwas frühstücken?“, begrüßt sie ihn liebevoll. Paul schüttelt den Kopf und greift nach seinen Malsachen, die noch von gestern auf dem Tisch verteilt herumliegen. Seine Mutter und ich verfolgen seine Handgriffe dabei interessiert. „Bastelst du deine Weihnachtskarte für Papa fertig?“ erkundigt sie sich. „Nein, ich schreibe einen Wunschzettel für den Weihnachtsmann“, erklärt Paul, ohne dabei vom Tisch aufzusehen.
Ein Wunschzettel? Oh nein, denke ich erschrocken. Wenn ich ein Herz hätte, würde es jetzt einen Schlag aussetzen. Der Umstand, dass sich Paul gerade in diesem Moment einen Ersatz für mich herbeiwünscht, versetzt mir einen Stich in die Füllwatte. Ich wusste immer, dass dieser Tag kommen würde und dennoch fühlt sich der Gedanke, bald in eine Spielzeugkiste abgeschoben zu werden, unendlich hoffnungslos an. Verzweifelt blinzle ich mit meinem einen Auge zu Paul hinauf, der gedankenversunken ein Weihnachtslied vor sich hinsummt, während er konzentriert auf sein Blatt malt.
Seit er mich letztes Jahr zu Weihnachten bekommen hat, gibt es uns nur im Doppelpack. Ich muss deshalb ziemlich oft in die Waschmaschine, was mich auch nicht gerade jünger macht, aber das ist schon ok. Paul ist wirklich ein toller Junge und ich bin gerne sein bester Freund. Wenn er krank ist, bin ich der Einzige, der ihn besuchen darf und wenn er traurig ist, bin ich derjenige, der seine Tränen im Fell versteckt. Wir sind ein gutes Team und sogar schon zusammen in Italien gewesen. Nur an den Strand durfte ich damals nicht mit. Aber auf Sand zwischen den Nähten kann ich auch getrost verzichten. Hauptsache, ich kann mich jede Nacht an seine Wange kuscheln. Denn ohne Paul kann ich schon lange nicht mehr einschlafen. Er ist nämlich mein Beschützer. Erst neulich hat er mich aus den Fängen eines verspielten Hundewelpen befreit. Dieser hätte mir bestimmt den Kopf abgerissen, so arg hat er an mir gerüttelt, wenn Paul nicht dazwischen gesprungen und mich todesmutig befreit hätte. Leider ist bei diesem Vorfall mein rechtes Auge im Schnee verloren gegangen und nicht nur ich, sondern auch Paul war ganz schön traurig deswegen.
War mein desolates Aussehen etwa der Auslöser für diesen Wunschzettel?, dachte ich auf einmal bestürzt und hätte jetzt gerne geräuschvoll geschluckt.
Bestimmt wünscht er sich ein cooles Rennauto, oder eines dieser gigantischen Starwars-Aktionfiguren. Neulich lief im Fernsehen eine Werbung, die von Elektrofischen berichtete, die unter Wasser von alleine schwimmen konnten. Im Supermarkt habe ich Stofftiere in den schillerndsten Farben und mit zuckersüßen Glitzeraugen in den Regalen stehen sehen. Ich mit meinem Veteranengesicht konnte da nicht mehr mithalten. Deren Fell war nicht so abgenutzt und kaputt gewaschen wie meines. Deren Fell war so bunt, glänzend und flauschig, dass ich sogar selbst ständig hinsehen hatte müssen. Ich fühle mich auf einmal sehr traurig und mutlos, als ich so auf dem Küchenstuhl neben meinem besten Freund liege und hilflos an die Decke blicke. Ich will nicht in einer Spielzeugkiste verschwinden, denke ich verzweifelt, als Pauls Mama zurück an den Tisch kommt und eine Tasse mit dampfendem Inhalt vor uns abstellt. „Na, dann erzähl mal, was du da alles gemalt hast“, fordert sie ihren Sohn auf und blickt neugierig auf das Blatt. Paul wirft ihr einen flüchtigen Blick über seine Schulter zu, bevor er erklärt: „Also das sollen neue Buntstifte sein und hier, hier habe ich eine Kiste mit Seifenblasen gemalt.“ Paul zeigt mit seinen kleinen Fingern auf dem Blatt herum und seine Mutter nickt dabei bedächtig. Ihr Blick bleibt an einen Fleck in der Ecke hängen. Mit gerunzelter Stirn will sie wissen: „Was ist denn das Schwarze da unten?“ Paul folgt ihrem Blick. Als er sieht, was seine Mutter meint, verzieht sich sein Mund zu einem stolzen Lächeln.
„Das? Das ist Teddys neues Auge!“

Sonntag, 29. November 2015

Violet Truelove - TIndie-Weihnachts-Challenge

Für die Vorweihnachtszeit haben wir uns etwas ganz Besonderes für euch ausgedacht. Ihr kennt bereits unsere Indie-Autorenchallenge, die bei euch unglaublich gut ankommt, dass wir sie in etwas abgewandelter Form beibehalten.

Jeder von uns hat fünf Wörter für eine kleine Weihnachtsgeschichte bekommen und etwas gezaubert. Wir wünschen euch mit der Geschichte von Viola einen schönen Adventssonntag.

Pfefferkuchenhaus, Ave Maria, Christbaumständer, Zimtsterne, Schneekugel waren die Wörter. 
Viel Spaß!

„Siehst du das auch?“, fragte Liam und blinzelte verwirrt. Er zeigte auf das gigantische Pfefferkuchenhaus. „Wie groß ist das?“
„Zu groß, um es mitzunehmen“, behauptete Vera. „Aber schau mal, hier sind Zimtsterne. Weißt du noch, wie sehr Connor diese Dinger geliebt hat?“
„Ja, am liebsten zusammen mit Whiskey.“
„Nicht Whiskey. Jack Daniels!“
Liam seufzte. „Fuck! Ja, Jack Daniels!“
Das ehemalige It-Girl nickte zustimmend. „Ja, er war süchtig danach“, meinte Vera, nahm einen Beutel und stellte ihn in den Einkaufskorb.
„Nicht dein Ernst, oder?“
Vera lachte ihr glockenhelles Lachen, für das sie mindestens ebenso berühmt war, wie für ihr schönes Gesicht. „Was hast du dagegen?“
„Dagegen? Gar nichts, aber eine Tüte wird niemals reichen“, brummte der Ex-Rockstar und fügte dem Korb vier weitere Packungen mit Zimtsternen hinzu
„Scheint, als hätte er dich damals mit dem Zeug angefixt“, scherzte Vera, nur im nächsten Moment augenblicklich zu verstummen. Liam räusperte sich betreten. „Kannst du mir sagen, wo der Elefant gerade herkommt?“ Vera schüttelte den Kopf und zwang sich zu einem matten Lächeln. Ihrer beider Drogenvergangenheit stand plötzlich und unübersehbar mitten im Winterwunderland.
„Es tut mir leid, das war …“„… unüberlegt, mehr nicht. Und ja, er hat uns angefixt und nicht nur mit den Zimtsternen, ABER: Es ist vorbei!“ Vera presste die Kiefer aufeinander, verschränkte die Arme vor der Brust und nickte nachdenklich. Ja, es war vorbei … sie hatten überlebt, doch Connor war tot. Er war ein Opfer seiner Sucht geworden. Vera schloss die Augen und seufzte traurig. An Connor zu denken, tat immer weh. Liam trat an das ehemalige It-Girl heran, beugte sich zu ihr und küsste sie über das Köpfchen von Leander, den er in einer Trage vor dem Bauch trug, hinweg auf die Stirn.
„Ich liebe dich soooooo sehr, V“, versicherte er ihr. Mit der Erinnerung hielt auch sein schlechtes Gewissen Einzug und drückte die Stimmung zusätzlich.
„Schläft er noch?“, erkundigte sich Vera und streichelte den blonden Flaum ihres Sohnes.
Liam war froh über den Themenwechsel. „Bei der Musik kein Wunder, oder?“ Vera legte den Kopf schief und lauschte andächtig dem „Ave Maria“, das über die Lautsprecher des Ladens zu ihnen herüber drang.
„Ich liebe dieses Lied. Wusstest du, dass meine Großmutter Maria hieß.“
„Nein, du redest fast nie von ihr, aber ich erinnere mich, dass sie gestorben ist, als wir erst ganz kurz zusammen waren.“
„Ja, sie ist früh von uns gegangen.“ Vera schluckte trocken und sagte: „Sie war Alkoholikerin und … Wir hatten unsere Probleme.“
„Konntet ihr diese klären, bevor sie verstorben ist?“
Vera schüttelte bedauernd den Kopf. „Nein, konnten wir nicht, aber inzwischen habe ich ihr verziehen. Das Ave Maria hat sie aber ebenso geliebt wie ich“, verriet sie ihm. Liam war froh, dass es auch nach all der Zeit noch neue Dinge über V zu erfahren gab und er lechzte förmlich danach.
„Vorsicht!“, ermahnte er seine Freundin und packte sie am Arm, als sie über einen Christbaumständer stolperte.
„Ohhhhh, mein Gott! Ich verwandle mich in eine Lindsay“, entfuhr es Vera, was Liam zum Lachen brachte.
„Bitte nicht! Nichts gegen Lindsay, aber dann müsste ich mich vermutlich wieder mit Warden um dich prügeln.“
Vera gluckste belustigt. „Ja, vermutlich stimmt das. Aber die beiden sind so süß.“
„Ja, sind sie“, gab Liam seiner Freundin recht.
„Kommst du damit klar? Also mit dem allem hier?“ Vera machte eine Geste, die ihr Baby und sich einschließen sollte.
Liam blickte sich im Laden um und sagte völlig ernsthaft: „Stellenweise ist das hier schon ganz schön kitschig. Hast du den pinken Weihnachtsbaum gesehen? Ich meine, wer stellt sich so was ins Wohnzimmer? Oder die hier …“ Liam griff nach einer Schneekugel, die einen surfenden Santa Claus zeigte. Er starrte sie an und legte sie dann in den Einkaufskorb.
„Du bist so wahllos“, zog Vera ihn auf.
Mit einem Mal war Liam wieder ganz ernst. „Nein, bin ich nicht. Ich war es.“ Er schloss die Augen und atmete tief durch, als er sie wieder öffnete, war die Schuld, sie sich in ihnen spiegelte, für Vera unübersehbar.
„Kannst du mir einen Gefallen tun, Liam?“, wisperte sie und trat auf ihn zu um ihn an den Händen zu fassen.
„Alles, was du willst, mein Engel.“
„Dann will ich zuerst einen Kuss“, verlangte Vera. Liam grinste und kam ihrer Aufforderung nach.
„Und dann?“
„Dann möchte ich ein Versprechen.“
„Auch das.“
„Du weißt doch noch überhaupt nicht, was ich von dir verlangen werde.“
Liam nickte. „Ja, aber ich würde alles tun, um dich glücklich zu machen.“
„Warum?“
„Weil ich dich liebe.“
Vera streichelte seinen Handrücken. „Ja, ich weiß und das ist toll! Es ist fantastisch, aber wir beide wissen, dass da noch mehr ist. Du hast ein schlechtes Gewissen wegen allem, was passiert ist.“
Nun war es an Liam, seine Kiefer aufeinander zu pressen und die Arme abwehrend vor der Brust zu verschränken. „Ja, V, das habe ich“, gab er ihr recht und das Bedauern und die Reue waren für Vera überdeutlich spürbar.
„Liam, das muss aufhören. Wenn wir als Paar eine Chance haben wollen, dann brauchen wir einen kompletten Neuanfang. Du musst aufhören dich schuldig zu fühlen, denn was passiert ist, dass ist passiert. Hör auf mich auf Händen zu tragen und zu versuchen mir jeden Wunsch zu erfüllen. Doch vor allem, hör auf mich wie etwas Besonderes zu behandeln.“
Liam schluckte hörbar und erwiderte: „Aber du bist etwas Besonderes, V. Du bist die Liebe meines Lebens und ich habe mich dir gegenüber schrecklich und schäbig benommen. Ich …“
„… du warst nicht du selbst und du hattest große Probleme.“
„Ist eine miese Ausrede.“
„Es ist die Wahrheit, Liam. Bitte fang an dir auch diese Sache zu verzeihen, denn Liebe rechnet nicht auf. Sie schaut nicht auf die Fehler des anderen und verlangt einen Ausgleich. Die Liebe, Liam, ist gütig und nachsichtig. Sie sieht über die Schwächen und Fehler des Geliebten hinweg. Nein, viel mehr noch, erkennt sie an, dass sie den Geliebten erst zu dem machen, was ihn ausmacht – was er ist. Und ich, Vera Snider, liebe dich, Liam Gordon, mit all deinen Macken.“
Liam seufzte. „Das mag sein und das klingt auch ganz wunderbar, aber …“
Vera legte ihm ihren Zeigefinger auf die Lippen. „Schhhhhhhh, Geliebter“, unterbrach sie ihn bestimmt. „Glaub mir, es ist besser, dass Liebe nicht aufwiegt, denn dann müsste ich mich von einem Haufen anderer Kerle flachlegen lassen.“
„Du hast dich von einem anderen Kerl schwängern lassen, also …“
„Dann meinst du wir sind quitt?“, fragte Vera amüsiert. Liam verdrehte die Augen. „Was denn, du musst dich schon entscheiden. Schuldest du mir was, oder nicht?“
„Ja, Vera. Ja, ich schulde dir eine ganze Menge, ich … Verdammt, du hast mir unzählige Chancen gegeben und ich habe dich unzählige Male enttäuscht. Ich war ein egoistischer Scheißkerl und …“
„Nein, Liam, das warst du nicht. Du warst verloren und verwirrt und du hast Fehler gemacht, aber es ist gut, wie die Dinge gelaufen sind. Ohne deine Fehler gäbe es Leander nicht und ich bin dir unglaublich dankbar dafür!“ Vera legte ihre Hand an seine Wange und küsste ihn sanft. „Verstehst du das?“, fragte sie ihn.
„Ja, das tue ich. Ich bedauere nur, dich verletzt zu haben. Das ist alles!“
„Das hier, Leander, du und ich, das wiegt alles Leid und allen Ärger auf. Ich bin unendlich glücklich und wir sollten, wirklich anfangen, die Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen, denn was wir jetzt haben, ist gut und richtig. Es ist perfekt! Du bist perfekt!“ Vera stellte sich auf die Zehenspitzen, schlang die Arme um seinen Hals und suchte mit ihrem Mund den von Liam. Leander zwischen ihnen seufzte im Schlaf, während seine Mutter ihre große Liebe küsste und in diesem Moment fühlte Liam es auch: Ja, es war perfekt. Mitten in dem kitschigen Laden, zwischen all den kunterbunten Weihnachtsartikeln, war ihr Glück vollkommen. Sie zahlten und traten Hand in Hand aus dem Laden hinaus, um das sommerliche Vancouver zu erkunden. Liam öffnete eine Tüte mit Zimtsternen und reichte Vera einen.
„Schon ein bisschen verrückt“, sagte sie und biss hinein.
„Ja, aber perfekt!“, raunte Liam ihr zu und legte ihr seinen Arm um, um sie eng an sich zu ziehen und ihr einen Kuss auf die Schläfe zu hauchen.