Sonntag, 13. Dezember 2015

Nicole König - TIndie-Weihnachts-Challenge

Einen schönen dritten Advent wünschen wir euch!

Heute ist Nicole König mit Ihrer besinnliche Geschichte an der Reihe. Lasst euch verzaubern von einem Moment, der uns deutlich macht: wir haben immer die Wahl!

Hier die fünf Wörter:
Rentier, Kerzen, Weihnachtspullover, Tannennadeln, Schneeanzug

Endlich ist der Arbeitstag vorbei und das Wochenende steht vor der Tür. Lustlos schleppe ich mich die Treppe an der Philharmonie rauf und am Museum vorbei. Wieder ein gleichbleibender Tag, der mich nicht erfüllt. Die Wochen und Monate ziehen an mir vorüber. Immer mehr spüre ich, wie meine Kraft entschwindet und ich mich am Liebsten zu Hause verkrieche. Früher bin ich gerne ausgegangen oder mit Kollegen auf den Weihnachtsmarkt, aber jetzt strengt mich alles an. Mein Job ist in Ordnung und auch die Wohnung in der ich lebe. Jedoch fühlt es sich an wie ein Nebel, der mein Leben umgibt ohne die Chance, die Sonne zu sehen. Warum ich so empfinde, kann ich nicht sagen. Menschen ermüden mich immer mehr und ich finde kaum noch gefallen an dem, was ich tue, so dass ich mich immer weiter zurückziehe. Mit diesen quälenden Gedanken, mache ich mich auf den Weg nach Hause.
Gerne drehe ich eine kleine Runde in meiner Pause und genieße es, diese paar Minuten für mich zu haben. Natürlich sind immer Menschen hier, aber auf dem großen Platz verläuft es sich – nicht so vor Weihnachten. Jetzt wurde auf dem Domvorplatz auch noch der Weihnachtsmarkt aufgebaut, das habe ich in der Mittagspause schon mit einem unguten Gefühl wahrgenommen. und genieße es, diese paar Minuten für mich zu haben. Natürlich sind immer Menschen hier, aber auf dem großen Platz verläuft es sich – nicht so vor Weihnachten. Manchmal zünde ich dann im Dom eine Kerze an und halte einen Moment inne. Nicht, das ich besonders gläubig wäre, aber diese Kathedrale übt einen besonderen Reiz auf mich aus. Leider führt mich mein Nachhauseweg auch genau hier vorbei und seitdem der Seitenweg gesperrt wurde, habe ich keine Alternative als mitten über den Platz zu laufen. Ich halte meine Handtasche dicht an meinem Körper und laufe weiter.
Nervig diese Menschenmassen. Während ich mich am Rand der Weihnachtsbuden entlang kämpfe, werde ich beiseitegeschoben wie ein Ping-Pong-Ball und lande erst mal direkt in der Weihnachtsdekoration. Auge in Auge mit einer Rentierattrappe. Genau so habe ich mir das nicht vorgestellt. Während ich leise fluchend die Tannennadeln von meinem Mantel entferne und versuche, mich aufzurichten, ärgere ich mich über die Ignoranz der Besucher. Ich spüre wie mich jemand versucht, wieder zurück auf den Weg zu ziehen. Als ich mich umdrehe, sehe ich einen verlotterten Mann in Lumpen, der zudem auch ziemlich streng riecht und erschrecke kurz. Erst lächelt er mich freundlich an bis zu dem Moment, in dem er mein erschrockenes Gesicht sieht, dann lässt er mich sofort los und geht ein Schritt rückwärts.
„Tut mir leid, ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich habe nur gesehen, wie Sie in den Tannenberg gefallen sind.“
„Nein, ist schon gut. Ich danke Ihnen.“
Mit schnellen Schritten entferne ich mich von ihm. Nach wenigen Metern komme ich mir schäbig vor, drehe mich um und will den Mann suchen, um mich gebührend zu bedanken, aber ich kann ihn nicht mehr finden. Wenn ich zurückdenke, dann habe ich ihn schon öfter rund um den Dom gesehen, nur nicht wirklich wahrgenommen. Wie auch, wenn das Alltagsgrau an mir vorüberzieht. Immer der gleiche Trott. Seit Jahren schon, komme ich nicht raus aus diesem Kreislauf.
Auf meinem Weg nach Haue nehme ich mir vor, ihn morgen zu suchen.
***
Als ich am nächsten Abend neben ihm stehe, blickt er mich verwundert an.
„Es tut mir leid, dass ich gestern so schnell gegangen bin. Kann ich Sie als Dankeschön zu etwas einladen? Etwas zu essen vielleicht?“
„Ja, das wäre sehr nett. Heute war meine Mahlzeit nicht so ergiebig.“
Glücklicherweise strömen allerlei köstliche Gerüche zu uns rüber, denn der Duft, den er absondert, ist kaum zu ertragen. Jedoch weiß er, sich auszudrücken, was mich positiv überrascht. Geht man doch direkt davon aus, dass ein Obdachloser über keinerlei Manieren verfügt.
„Womit kann ich Ihnen denn etwas Gutes tun?“
Er deutet auf den Bratwurststand, ich nicke und wir gehen hinüber. Ich bestelle zwei Würstchen und wir essen schweigend, während ich ihn immer wieder verstohlen betrachte. Das Alter ist schwer zu schätzen, aber sicher könnte er mein Vater sein. Auffällig sind die vielen Lachfalten um seine blauen Augen und der dunkle Vollbart. Natürlich bemerke ich, dass viele der anderen Weihnachtsmarktbesucher von uns abrücken, aber das ist mir nicht wichtig. Er war der Einzige, der mir gestern geholfen hat, als ich gefallen bin und daher kann ich ihm den nötigen Respekt entgegenbringen und mit ihm essen.
„Schau mal Mama, ein Penner!“, höre ich neben mir einen kleinen Jungen im Schneeanzug sagen. Seine Mutter zieht ihn von uns weg. Er zuckt nur mit den Schultern.
„Ich bin wohl nicht die beste Gesellschaft, junge Dame.“
Schnell wische ich mir meine Hand an der Serviette ab, während ich in der anderen noch immer den Rest meines Essens halte und strecke ihm diese entgegen.
„Louisa Ritter, freut mich!“
Überrascht schaut er erst meine Hand, dann mich an, wischt sich ebenfalls seine Hand ab und schüttelt meine.
„Julius Kraft“
Wir essen auf, er verabschiedet sich von mir und macht sich wieder auf den Weg zum Seiteneingang vom Dom, wo er scheinbar sein Nachtlager aufgeschlagen hatte.
***
Am nächsten Tag in der Mittagspause, sehe ich ihn wieder, wie er vor der Domtreppe sitzt und etwas mit den Händen formt. Auf die Entfernung kann ich nicht erkennen, was es ist. An dem kleinen Kaffeewagen, kaufe ich zwei Becher schwarzes Gold und mache mich auf den Weg zu ihm. Gerade sehe ich noch, wie er einem kleinen Mädchen etwas gibt, dafür von der Mutter Geld erhält und beide an mir vorbeilaufen.
„Hallo Herr Kraft. Kalt ist es geworden“, gehe ich auf ihn zu und halte ihm den Becher hin. Er nimmt diesen wie einen kostbaren Schatz und trinkt einen Schluck.
„Danke Louisa. Ich darf Sie doch so nennen, oder? Sie sind meine Rettung heute.“
Der strenge Geruch ist nicht mehr so stark und ich setze mich für einen Moment zu ihm auf die Stufen.
„Darf ich Sie etwas fragen?“ Ermunternd nickt er mir zu.
„Warum leben Sie auf der Straße? Ich meine, es gibt doch sicher Einrichtungen in die Sie gehen können, oder?“ Frage ich ihn nachdenklich.
„Sind Sie glücklich, Louisa?“
Mit dieser Frage habe ich nicht gerechnet und sie zieht mir den Boden unter den Füßen weg. Vollkommen wertfrei und ohne Emotionen schaut er mich an. Ich kann ihm nicht antworten. Was bedeutet das überhaupt?
„Eine Frage, die Sie nicht beantworten können?“
Um Zeit zu gewinnen, nippe ich am heißen Kaffee.
„Nun, das ist nicht so einfach“, versuche ich zu erklären, als er mich unterbricht.
„Doch, das ist es. Man hat immer die Wahl.“
Was hat das mit meiner Frage zu tun und warum antwortet er nicht auf meine? Julius hat etwas Warmes und Freundliches in seinen Augen. Ich fühle mich wohl neben ihm.
„Das verstehe ich nicht. War es Ihre Wahl auf der Straße zu leben?“, frage ich ihn.
„Ja.“ Diese Aussage verunsichert mich nur noch mehr, was er scheinbar merkt und noch einmal nachsetzt.
„Sehen Sie sich um, Louisa!“, er deutet damit auf die unzähligen Menschen, die hektisch umherlaufen und ich spüre eine Ruhe wie schon lange nicht mehr.
„Wie viele von diesen Menschen leben in selbstauferlegten Zwängen und gehen dabei kaputt? Ich war einer von ihnen. Ich hatte alles. Hier auf der Straße geht es für mich um die elementaren Dinge. Sicher kann man weniger dramatisch, den Weg zu sich selbst finden und auch ich wünsche mir für die Zukunft ein Dach über dem Kopf, aber ich hatte die Wahl und das angenommen, für was ich mich entschieden bzw. was ich bekommen hatte. Zwei Mal die Woche kann ich eine Dusche oder ein heißes Bad nehmen, Suppe bekomme ich in der Bahnhofsmission um die Ecke und seit einem Jahr stehe ich auf der Liste für eine Sozialwohnung. Denn ohne festen Wohnsitz kann ich mir keine Arbeit suchen. Nun bleibt mir die Möglichkeit unglücklich über meine Situation zu sein, die ich gerade nicht ändern kann oder aber ich habe die Möglichkeit, mich für das Glücklich sein zu entscheiden. Welche Wahl treffen Sie?“
Darüber muss ich lange nachdenken, bevor ich ihm antworte.
„Welche Wahl ich treffe, weiß ich noch nicht. Nein, ich bin nicht glücklich. Jeder Tag ist gleich und ödet mich an. Früher, nach meinem Studium hatte ich Pläne, doch der Alltag hat diese scheinbar zu Nichte gemacht.“
Er nickt mir wissend zu.
„Dann entscheiden Sie sich dafür, glücklich zu werden. Das ist ganz einfach.“
Er greift in seine Lumpentasche und zieht einen kleinen Holzengel heraus.
„Mit dem Schnitzen verdiene ich mir ein wenig Geld für mein Essen. Ich möchte Ihnen diesen Engel schenken. Immer wenn Sie wieder in alte Muster fallen, nehmen Sie ihn zur Hand und denken an meine Worte: Jeder von uns hat die Wahl glücklich zu sein. Es muss nur einen Zeitpunkt geben, wo wir damit anfangen.“
Zögerlich nehme ich diesen wunderbaren Engel an mich und betrachte ihn genau. Er ist ganz detailliert und filigran gearbeitet. Die Oberfläche ist glatt und die Holzmaserung wunderschön.
„Aber dieses Geschenk kann ich nicht annehmen“, flüstere ich ehrfürchtig und halte ihm meine Hand, in der der Engel liegt, hin.
„Doch das würde ich mir wünschen und bald ist doch Weihnachten“, zwinkert er mir zu.
Dann umschließt er mit seiner Hand meine und nickt mir zu.
„Vielen Dank. Der ist wirklich wunderschön und sollte an einem der Markstände verkauf werden.“
Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich meine Mittagspause längst überzogen habe.
„Tut mir leid, ich muss zurück ins Büro, aber ich komme wieder. Versprochen!“
Ich stehe auf, verstaue den Engel in meiner Manteltasche, nehme meinen Kaffebecher und verabschiede mich von ihm. Er lächelt mir zu und fängt wieder an, seine Figuren zu schnitzen.
Im Büro kommt mir ein Gedanke, der mich den ganzen Nachmittag über nicht mehr loslässt, daher mache ich mich nach der Arbeit auf dem Weg in ein Kaufhaus und besorge ihm einen Pullover in schwerer, dicker Wollqualität mit einem roten bestickten Rentier in der Mitte. Somit sein ganz persönlicher Weihnachtspullover, wie ich früher als Kind immer einen bekommen habe. Die Größe versuche ich zu schätzen. Ich lasse ihn nicht einpacken, sondern nehme nur die Tüte an mich und mache mich auf den Weg zu seinem Stammplatz, aber dort finde ich ihn heute nicht.
Und auch die nächsten Tage ist er dort nicht anzutreffen. Beunruhigt und angesichts der Kälte stecke ich meine Hände in die Manteltasche und fühle dort den kleinen Engel, den ich herausnehme und betrachte. Dann fange ich an zu lächeln, weil ich das Gefühl habe, das es Julius gut geht und weil ich mich genau jetzt dazu entscheide, glücklich zu sein.
Wir haben die Wahl …


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